Im Rettungsdienst wird viel gemessen und berichtet. Das ist sinnvoll, weil Transparenz über Einsatzgeschehen, Vorhaltung, Übergabezeiten oder Systemlast überhaupt erst sichtbar macht, wo ein System stabil läuft und wo es bricht. Berichte wie der Rettungsdienstbericht Bayern 2025 bündeln dazu zentrale Kennwerte und Entwicklungen über mehrere Jahre.
Der Punkt ist aber: Zahlen verändern nichts, solange man sich nicht ernsthaft mit ihnen auseinandersetzt.
„Erheben“ ist der Einstieg – wirksam wird es erst, wenn Zahlen konsequent zur Steuerung genutzt werden: als Grundlage für Entscheidungen, Prioritäten und verbindliche Maßnahmen.
Der häufigste organisatorische Fehler ist, Kennzahlen als Ergebnis zu behandeln („Wir haben jetzt den Bericht“). Ein Bericht ist jedoch nur ein Werkzeug. Wenn Zahlen zwar produziert, aber nicht in Entscheidungen übersetzt werden, entsteht ein Kennzahlenfriedhof: Man weiß mehr, aber handelt nicht anders.
Genau hier entscheidet sich, ob man Veränderung wirklich will.
Ernsthafte Auseinandersetzung bedeutet: harte Fragen zulassen (Was ist Ursache? Was ist Wirkung? Was ist nur Rauschen?), Konflikte aushalten (welche Maßnahmen haben Nebenwirkungen?) und Entscheidungen treffen, die man anschließend auch überprüft.
Was „ernsthaft“ heißt: Definitionen, Relevanz und Entscheidungsregeln
Zahlen sind nur so gut wie ihre Definition. Selbst scheinbar „klare“ Größen können je nach Regelwerk unterschiedlich gezählt werden (z. B. Start-/Stopp-Punkte, Einbezug von Dispositions- oder Ausrückzeiten, Umgang mit Sonderlagen).
Wenn solche Grundlagen nicht sauber festgelegt sind, ist jeder Vergleich und jeder Trend angreifbar – und damit steuerungsuntauglich.
Der Qualitätsbericht der SQR Baden-Württemberg zeigt sehr praxisnah, dass bereits Systemlogik, Dokumentation und Datenexporte echte Risiken für valide Auswertungen darstellen können.
Ernsthafte Auseinandersetzung heißt deshalb: wenige, aber relevante Leitkennzahlen definieren (nicht möglichst viele), diese mit Treiberkennzahlen hinterlegen (damit Ursachen erkennbar werden) und vor allem Entscheidungsregeln festlegen.
Eine Leitkennzahl ohne Schwellenwerte, Trendkriterien und Maßnahmenlogik bleibt ein Stimmungsbarometer. Erst wenn „Rot“ eine definierte Folge hat (inklusive Verantwortlichkeit, Zeitplan und Review), wird aus Messung Steuerung.
Datenqualität und Routinen: Der Unterschied zwischen Wissen und Wirksamkeit
Zweite Voraussetzung für echte Veränderung ist Datenqualität als Managementaufgabe: klare Definitionen, standardisierte Dokumentation, verlässliche Exporte, Plausibilisierung.
Das ist nicht „IT-Kosmetik“, sondern die Basis dafür, dass Entscheidungen nicht auf Artefakten beruhen.
Und drittens braucht es Routinen: ein operatives Review (regelmäßig, nahe am Betrieb) und eine strukturelle Steuerung (regelmäßig, entscheidungsfähig).
Ohne diese festen Takte bleibt Analyse rückwärtsgewandt; mit ihnen wird sie zum Lern- und Steuerungskreislauf: messen, verstehen, entscheiden, überprüfen. Genau so wird aus Zahlenarbeit Veränderung: nicht durch mehr Kennzahlen, sondern durch konsequente Arbeit an den richtigen Kennzahlen – und den Mut, aus ihnen verbindliche Konsequenzen abzuleiten.
Fazit
Veränderung im Rettungsdienst entsteht nicht durch Meinung, sondern durch belastbare Daten, klare Regeln und konsequente Entscheidungen.
Dass es in Deutschland an dieser konsequenten Übersetzung von Kennzahlen in verbindliche Steuerung mangelt, ist kein Randproblem, sondern ein zentraler Grund, warum bekannte Schwachstellen über Jahre stabil bleiben.
Wer Kennzahlen ernst nimmt, schafft Steuerungsfähigkeit – und damit die einzige realistische Grundlage, um Qualität und Systemstabilität messbar zu verbessern.