{"id":11514,"date":"2026-01-31T12:30:00","date_gmt":"2026-01-31T11:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/m-pet.de\/?p=11514"},"modified":"2026-04-13T12:37:54","modified_gmt":"2026-04-13T10:37:54","slug":"bayern-geordnete-rettungsdienststruktur-aber-begrenzte-datentiefe-und-wachsender-steuerungsdruck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/m-pet.de\/?p=11514","title":{"rendered":"Bayern: Geordnete Rettungsdienststruktur, aber begrenzte Datentiefe und wachsender Steuerungsdruck"},"content":{"rendered":"\n<p>Der Blick in eine aktuelle Landtagsdrucksache zeigt den bayerischen Rettungsdienst als formal klar aufgebautes System. Bayern ist in&nbsp;<strong>25 Rettungsdienstbereiche<\/strong>&nbsp;eingeteilt; die Landkreise und kreisfreien Gemeinden eines Bereichs bilden jeweils einen&nbsp;<strong>Zweckverband f\u00fcr Rettungsdienst und Feuerwehralarmierung (ZRF)<\/strong>. Diese ZRF haben die Aufgabe, den \u00f6ffentlichen Rettungsdienst sicherzustellen und vergeben in ihrem Bereich die Leistungen der bodengebundenen Notfallrettung und des Krankentransports an die Durchf\u00fchrenden des Rettungsdienstes. [1]<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade an dieser Struktur wird aber auch eine Grenze sichtbar. Die Staatsregierung erkl\u00e4rt ausdr\u00fccklich, dass Personalakquise und Personalverantwortung f\u00fcr die Besatzung von Rettungs- und Krankenwagen bei den Durchf\u00fchrenden des Rettungsdienstes als Arbeitgebern liegen. Deshalb l\u00e4gen ihr zu mehreren abgefragten Punkten&nbsp;<strong>keine detaillierten oder statistischen Auswertungen<\/strong>&nbsp;vor; diese w\u00e4ren nur \u00fcber Einzelfallauswertungen unter Beteiligung externer Stellen mit erheblichem Aufwand m\u00f6glich. [1]<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist deshalb bemerkenswert, weil die Drucksache den Belastungsanstieg zugleich klar benennt. Der Bedarf an Fachkr\u00e4ften im Rettungsdienst sei&nbsp;<strong>anhaltend hoch<\/strong>; die Bundesagentur f\u00fcr Arbeit ordne die Rettungsberufe als Engpassberufe ein. Gleichzeitig habe die Zahl der Notf\u00e4lle in Bayern zwischen&nbsp;<strong>2014 und 2023<\/strong>&nbsp;von&nbsp;<strong>907.900<\/strong>&nbsp;auf&nbsp;<strong>1.214.000<\/strong>&nbsp;zugenommen, also um&nbsp;<strong>34 Prozent<\/strong>. [1]<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Qualifikation und Aufgabenverteilung muss man pr\u00e4zise bleiben. Die Drucksache belegt&nbsp;<strong>kein allgemeines landesweites Standardisierungssystem f\u00fcr das gesamte nicht\u00e4rztliche Personal<\/strong>, sondern nur f\u00fcr einen bestimmten Bereich: die&nbsp;<strong>\u00c4LRD-Delegation konkreter Behandlungsvorgaben<\/strong>&nbsp;nach Art. 12 Abs. 1 Satz 2 Nr. 6 BayRDG. Diese Delegation erfolge in Bayern landesweit einheitlich und werde durch ein strukturiertes Qualit\u00e4tsmanagement flankiert. Zum Jahresende 2024 waren&nbsp;<strong>6.861 Delegationen<\/strong>&nbsp;an Notfallsanit\u00e4terinnen und Notfallsanit\u00e4ter in Kraft; wegen m\u00f6glicher Mehrfachdelegationen ist diese Zahl nicht mit der Zahl der tats\u00e4chlich t\u00e4tigen Personen gleichzusetzen. [1]<\/p>\n\n\n\n<p>Auch bei der heilkundlichen T\u00e4tigkeit zieht die Staatsregierung eine klare Linie. Rettungssanit\u00e4ter unterst\u00fctzen Notfallsanit\u00e4ter und \u00c4rzte bei der Erstversorgung, fahren den Rettungswagen und f\u00fchren einfachere Ma\u00dfnahmen durch. Notfallsanit\u00e4ter d\u00fcrfen heilkundlich wegen des Heilkundevorbehalts nur in zwei strikt getrennten Konstellationen t\u00e4tig werden:&nbsp;<strong>auf Grundlage einer Delegation nach \u00a7 4 Abs. 2 Nr. 2c NotSanG<\/strong>&nbsp;oder&nbsp;<strong>in eigener Verantwortung unter den Voraussetzungen des \u00a7 2a NotSanG<\/strong>. [1]<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die not\u00e4rztliche Versorgung nennt die Drucksache nur wenige, aber belastbare Strukturzahlen. Zur Durchf\u00fchrung des Notarztdienstes werden in Bayern&nbsp;<strong>227 Notarztstandorte<\/strong>&nbsp;betrieben, die jeweils mit&nbsp;<strong>einem Notarzteinsatzfahrzeug<\/strong>besetzt sind. Weitergehende statistische Auswertungen zu Zahl und Verteilung der t\u00e4tigen Not\u00e4rzte liegen der Staatsregierung nach eigener Aussage nicht vor. [1]<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Nachwuchs zeigt die Drucksache eine erkennbare Ausweitung der Ausbildungskapazit\u00e4ten. F\u00fcr die staatliche Pr\u00fcfung zum Notfallsanit\u00e4ter wurden f\u00fcr das Jahr&nbsp;<strong>2024<\/strong>&nbsp;bayernweit&nbsp;<strong>336 bestandene Pr\u00fcfungen<\/strong>&nbsp;ausgewiesen. Zugleich seien nach Mitteilung der Sozialversicherungstr\u00e4ger im Jahr&nbsp;<strong>2022<\/strong>&nbsp;insgesamt&nbsp;<strong>mehr als 340 Ausbildungspl\u00e4tze<\/strong>&nbsp;finanziert worden, im Jahr&nbsp;<strong>2023<\/strong>&nbsp;bereits&nbsp;<strong>\u00fcber 520<\/strong>, und f\u00fcr den Ausbildungsbeginn&nbsp;<strong>2024<\/strong>&nbsp;seien&nbsp;<strong>mehr als 560 Stellen<\/strong>&nbsp;eingeplant worden. [1]<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Steuerung zwischen\u00a0<strong>112<\/strong>\u00a0und\u00a0<strong>116 117<\/strong>. Seit\u00a0<strong>Dezember 2023<\/strong>\u00a0sind die Vermittlungs- und Beratungszentralen der Kassen\u00e4rztlichen Vereinigung Bayerns und die Integrierten Leitstellen \u00fcber eine standardisierte Schnittstelle verbunden. Eine r\u00e4umliche Zusammenlegung beider Systeme ist nicht beabsichtigt; stattdessen setzt Bayern auf die bereits abgeschlossene digitale Verkn\u00fcpfung und auf die verbindliche Einf\u00fchrung einer\u00a0<strong>standardisierten Notrufabfrage<\/strong>\u00a0in den ILS. Deren Ausschreibung soll laut Drucksache im\u00a0<strong>ersten Halbjahr 2026<\/strong> erfolgen. [1]<\/p>\n\n\n\n<p>Auch hier bleibt der Befund gemischt. Die direkte Vermittlung in die ambulante Versorgungsstruktur der KVB ist nach der Drucksache bereits m\u00f6glich.&nbsp;<strong>Ein Zugriff auf Pflegedienste oder andere soziale Einrichtungen besteht derzeit aber nicht.<\/strong>&nbsp;Zudem erkl\u00e4rt die Staatsregierung, dass ihr \u00fcber den Anteil nachweislich nicht medizinischer Notf\u00e4lle&nbsp;<strong>keine eigenen detaillierten oder statistischen Auswertungen<\/strong>&nbsp;vorliegen; sie verweist insoweit auf den Rettungsdienstbericht Bayern 2025. [1]<\/p>\n\n\n\n<p>Hinzu kommt, dass Bayern weitere Entlastungsinstrumente erprobt. Die Drucksache nennt das <strong>Rettungseinsatzfahrzeug (REF)<\/strong>\u00a0im erweiterten Probebetrieb f\u00fcr minderschwere Eins\u00e4tze ohne erwarteten Patiententransport. Ziel sei die Entlastung der Notfallrettung bei Eins\u00e4tzen ohne Transportbedarf und die Vermeidung von Duplizit\u00e4ten. Au\u00dferdem wurde seit dem Schuljahr <strong>2025\/2026<\/strong>\u00a0erstmals die Ausbildung zum Berufsbild\u00a0<strong>\u201eDisponent\/in in einer ILS\u201c<\/strong>\u00a0an der st\u00e4dtischen Berufsfachschule f\u00fcr Leitstellenwesen in M\u00fcnchen eingerichtet. [1]<\/p>\n\n\n\n<p>Unterm Strich beschreibt die Drucksache also kein chaotisches System, sondern einen organisatorisch geordneten Rettungsdienst mit steigender Belastung, Fachkr\u00e4ftedruck und begrenzter Datentiefe auf staatlicher Ebene. Der politische Befund ist weniger ein Strukturversagen als ein&nbsp;<strong>Steuerungsproblem unter Last<\/strong>: Bayern baut Ausbildung, Schnittstellen und Disposition weiter aus, kann aber zentrale Personal- und Einsatzfragen selbst nur eingeschr\u00e4nkt statistisch unterlegen. [1]<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Fundstellen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>[1] Bayerischer Landtag, Drucksache 19\/9496 vom 12.02.2026,&nbsp;<em>Schriftliche Anfrage der Abgeordneten Roland Magerl, Andreas Winhart, Matthias Vogler, Elena Roon, Franz Schmid (AfD) vom 14.11.2025: Notfallsanit\u00e4ter, Rettungsassistenten und Notfallmediziner; Antwort des Staatsministeriums des Innern, f\u00fcr Sport und Integration vom 08.01.2026<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Blick in eine aktuelle Landtagsdrucksache zeigt den bayerischen Rettungsdienst als formal klar aufgebautes System. 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